brief an mich in tiefster nacht

Fick dich doch.
Ja, dich meine ich.
Wie du da sitzt, vor deinem Scheißhandy, deinem Scheißmonitor.
In deiner beschissenen Wohlstandswohnung.
Deinem abgefuckten Gefängnis.
Deiner eigen gewählten Abhängigkeit.
Selbst gewählte Unfreiheit.
Einfach machen, was andere dir sagen.
Denk nicht selbst. Am Ende tut’s noch weh.
Muskeln, die man nie benutzt, reißen schnell.
Wenn sie nicht schon jenseits aller Nutzbarkeit verkümmert sind.
Ich kann dich sehen, glaub mir.
Wieviele Tabs hast du gerade offen?
Wieviele verschiedene YouTube-Videos buffern?
Geistlos konsumieren, was andere geistlos produzieren.
Alles eine Kopie einer Kopie einer Kopie.
Kopiert bis zur Unkenntlichkeit.
Jegliche Botschaft und Nachricht lange ausgeweidet und verrottet.
Was bleibt davon? Gräten. Schöne, bunte Gräten.
Und du denkst, es sei Hohe Kunst, tolle Unterhaltung.
Was es ist, ist grell, laut und bar jeglichen Sinns.
Es macht doch jeder das absolut Gleiche.
Warum schaust du dir dieselben Inhalte von verschiedenen Menschen an?
SPORT1 kopiert von SPORT BILD und die kopiert vom Kicker und der kopiert aus der Lokalzeitung.
Mühsam recherchierte Artikel werden sensationalisiert, auf das Reißerischste reduziert und mit Schlagzeilen versehen ausgewürgt.
Dann wird der Prozess wiederholt und am Ende steht „ein Eklat!“
Kontext ist verpöhnt.
Kontext gibt Sinn.
Kontext gibt Perspektive.
Kontext schmälert den Profit.
Und das ist alles, worum es geht.
Du sollst das Geld, das du mit Arbeit verdienst, an der sich die Reichen bereichern, für Bullshit hergeben, an dem sich die Freunde der Reichen bereichern.
So denkst du, du gehörst dazu. Nichts tust du.
Du bist eine Ressource, die konsumiert wird.
Dümmer als das Huhn in der Legebatterie.
Das merkt wenigstens, wie miserabel seine Existenz ist.
Das merkt wenigstens das Leid, das es sein Leben nennen muss.
Big Brother tanzt und singt und spielt und malt für dich.
Bevor du es noch tust. Denn Kreativität bedeutet Denken.
Und Denken bedeutet Reflexion.
Und die führt zu Ablehnung. Ohne Ausnahme.
Wenn du das hier liest, in den Tiefen des Internets, ist es zu spät. Das weißt du.
Wie tief im Sumpf steckst du, um auf diesen Text gestoßen zu sein?
Dein Leben kommt aus der Steckdose und ohne Steckdose kommst du auf Entzug.
Gerätst in Panik.
Wir fürchten immer nur, was wir nicht kennen.
Du fürchtest alles, was nicht von der Masse anerkannt und gemacht wird.
Alles, was nicht von der Masse getan wird.
Das Außenseiterdasein.
Husch ab, schnell zurück ins warme Körbchen.
Dort ist es zwar beschissen, aber wenigstens kennst du dieses beschissen.
Um etwas Neues zu lernen, ist es ja zu spät. Sagt dir ja auch jeder.
Mit 25+ ist es vorbei mit Lernen. Dann kannst du alles, was du je können wirst.
Weil vor lauter Arbeit keine Zeit mehr bleibt, Interessen zu entwickeln und Dinge zu entdecken.
Glaubst du ernsthaft, du wirst deine Rente noch erleben?
Bis dahin ist das Rentenalter bei über 80 Jahren.
Für wen arbeitest du denn? Und wozu?
Du hast eine Arbeit. Aber du hast kein Leben.
Und du lebst nicht. Du existierst.
Es gibt zu viele von dir.
Das ist das einzig wahre Problem und keiner spricht darüber.
Es gibt Milliarden zu viele von dir.
Zündet die Raketen, verstrahlt den verdammten Erdball.
Wir hatten unsere Chance. Soll die nächste Spezies ihr Glück versuchen.
Für uns ist es zu spät.
Deregulierter Kapitalismus hat uns das Genick gebrochen.
Kein Asteroid. Keine Seuche. Kein Krieg.
Wirtschaft.
Vor lauter Geld und Papier und Abstraktion den Kontakt zum menschlichen Dasein verloren, den Planet unter den Füßen vergessen.
Fressen, scheißen, sterben. So simpel ist das.
Doch, ist es.
Nein.
Nein.
Nein.
Fressen.
Scheißen.
Sterben.
Das ist alles.
Aber kauf dir noch eine Couch, lease ein drittes Auto, bau die nächste Mauer, geh wieder ins Kino, buch den zweiten Hotelurlaub dieses Jahr.
Hotelurlaub.
Noch so ein Mechanismus.
Geh in ein fremdes Land.
Zu einer fremden Kultur.
Deren Menschen womöglich vollkommen anders und von unserem Schweinesystem unabhängig leben.
Aber setz keinen Fuß vor die Tür des Hotels in dem alles so ist wie bei dir zu Hause.
Sieh nicht hin!
Du darfst nicht sehen, dass es eben doch auch anders geht.
Dass Ausländer eben doch Menschen sind.
Dass Menschen überall Menschen sein wollen.
Im Ausland gibt es noch Gegenden, wo man das sogar darf.
Hier darfst du das nicht.
Hier wirst du genormt und wenn du dich nicht normen lässt, wirst du im besten Fall ausgestoßen.
Meistens kommst du in den Knast.
Den für den Körper oder den für den Geist.
Gefängnis oder Psychiatrie.
„Resozialisierung.“
Sobald du alt genug bist, selbst zu entscheiden, sind die Mauern in deinem Kopf bereits errichtet.
Dein Gefängnis – das bist du selbst.

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