südseite 2016. teil eins: religiöser fanatismus

»Boah, die Scheiße ist doch viel zu heiß.«, röchelt Dana auf den langen, unnachgiebigen 150 Metern von den Dixi-Klos bis ans Camp. Ich schweige weise und bewundere Dana im Stillen, dass sie überhaupt noch Worte rausbringt. Mein Hals wäre dazu gerade nicht mehr in der Lage, denn er dürstet. Zum ersten Mal im Leben verstehe ich, wie sich Jesus™ am Kreuz gefühlt hat. Ein religiöser Vorbote, wenn ich heute drüber nachdenke.

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Ich auf dem Southside.

Doch der Reihe nach, denn bevor ich in Zungen singend den Sonnentanz religiösen Übereifers ansetzen kann, schallt uns aus einem mit viel Wohlwollen 19-jährigen Mädchen das aufmunternde Bonmot »Wenn das Wetter nix für euch is‘, dann seid ihr aufm Southside falsch!« entgegen. Zwischen Dana und mir tragen wir wohl über 50 Festivals Erfahrung mit uns rum, aber es ist einfach zu heiß, sie angemessen zu beleidigen, also schlurfen wir wortlos weiter. Wahrscheinlich geben wir ihr irgendwo sogar ein wenig Recht, der Sonnenbrand hat uns entmenschlicht und zu Langusten transmutiert. Ich merke mir lediglich das Gesicht und die Languste in mir denkt nur »Click, click, motherfucker!«, denn ich bin eine eloquente Languste, das muss man mir lassen.

Es ist Donnerstag. Angekommen waren wir, — wir, das sind Elke, Dana, Stefan und ich. Elke und Dana sind Mama mit Kind, Stefan kommt aus Hamburg, weil ihm das Hurricane zu weit weg ist und ich, der Shitlord, nutze die Gelegenheit, mein hässliches Kaiserslautern mal vier Tage nicht sehen zu müssen —, gegen 11:00 Uhr morgens. Nachdem die Security erst vier Opfer in Form ob der Hitze in Ohnmacht fallender Festivalisten einfordert, und bekommt, bevor sie die Bändchenausgabe öffnet, sind wir alle in ein feinstes Sonnenbrandrot getüncht. Alles ist wie immer, als ich es mir innerhalb einer Minute mit der Security verscheiße. Keine zwei Meter rechts von mir sinkt das erste Opfer von der Schwerkraft beschwingt dem Erdreich entgegen. Wir rufen geistesgegenwärtig eine Sicherheitskraft, sie möge die Dame aus der Sonne und dem Mob herausholen. Eine Minute später schlendert auch ein Sicherheitsmann auf uns zu, lässt sich lässig umherblickend weiterhin sagen, dass jemand stirbt und als er noch immer nicht recht reagiert, entlockt mir die Szene ein »Ja, ne, keine Hektik, lass dir nur Zeit, kein Grund zur Eile, was.«
Ein Fehler.
Mein Fehler sogar, ich kenne das Securityvolk und ihren bizarren Stolz doch eigentlich. Denn daraufhin gebietet ihm sein Stolz, mich zunächst einmal eine halbe Minute mit Stinkauge anzustarren. Während die Dame auf dem Boden rechts von mir übrigens begonnen hat, zu zucken. Der Mob begreift, dass der gute Mann wohl etwas Motivation braucht und beginnt aus einigen hundert Kehlen Aggression zu brüllen. Endlich begreift Herr Sicherheit, dass er alleine ist und wir tausende sind und ruft zwei Sanis, die, ob Erhalt der Nachricht, einfach lossprinten und ihre Arbeit tun. Verwirrend für den armen Kerl, kennt er sicher in dieser Form gar nicht, dass man Ohnmächtige schnellstmöglich versorgt. Nach drei weiteren Opfern zeigt sich der Pfortengott milde gestimmt und lässt die Dämonen einbrechen.

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Camp mit Nachbarn gegenüber.

Um 13:00 Uhr steht unser Camp dann, gute Lage, aufm Hügel, direkt am Weg. Wie sich noch rausstellen sollte eine gute Wahl, bei einem Southside, dessen Motto gut und gerne hätte lauten können: »Location, Location, Location!«
Vom Auto bis ans Camp waren es dadurch nur gute 1500 bis 2000 Meter, bis aufs Gelände eben dementsprechend etwas weiter. Ich bin immer noch ein wenig zu stolz auf meine Platzwahl. Merkt man ja aber gar nicht.

Die Jagd nach Roter Hautober (mit Sean Connory)

Ich könnte kaum behaupten, der Shitlord zu sein, der alle Shitlords beendet, wenn meine Pläne dort schon erschöpft gewesen wären. Im Vorfeld hatte ich wieder Kontakt mit den Männern der Cocktailbude, namentlich Frank, dem Cocktailchef. Er würde wieder an

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Der Shitlord

gewohnter Stelle seine Flagge in die Landebahn rammen und dürstende Reisende mit Pitchern voll Glückseligkeit versorgen. Komm nur, sagte man mir. Du und dein Geldbeutel seid gern gesehene Gäste. Mein Plan beinhaltete folgende Schritte: ankommen, Cocktailbude, get shit-faced. Alles Weitere soll der Zukunfts-E erledigen, Shitlord-E hat seine Hausaufgaben erledigt. Meine drei vollmotivierten Langusten-Anwärter lassen mich um ihre Unterstützung in diesem Vorhaben wissen. Der Vernunft ihren einzigen Auftritt gewährend beschließen wir sogar, uns Hüte zum Schutz vor der gar garstigen Sonne zu besorgen. Am Rollfeld angekommen muss ich jedoch bestürzt feststellen, dass bisher noch nirgends eine Cocktailbude zu finden ist. Die arme Bude stand bestimmt noch in der Schlange an der Bändchenausgabe. Enttäuscht, aber nicht gebrochen, nehmen wir die Hüte in Angriff. Die Lookie-Lookies (so nenne ich Verkäufer auf Festivals und in Touristenzentren, das ist eine Geschichte für ein andermal) haben jedoch bereits alle zwei oder drei Sonnenstiche erlitten, denn sie verlangen allen Ernstes 20 hart erarbeitete Euros für billige Stroh-Trilbies. Alle, bis auf den einzigen weißen Lookie-Lookie, der zu handeln bereit ist und angesichts der Tatsache, dass wir die ersten Kunden sind (oder Dana und Elke ihm die Sinne vernebeln und er sich Hoffnungen macht, sie mit Hüten zu bezirzen) den Preis halbiert.
So haben wir zwar endlich Hüte, doch die Mutation zur Langusten-Force ist da bereits vollzogen. Wenigstens, so denke ich, sind wir wohlbehütete (HA, verstehste?!) Langusten.

Parkplatzratten

Wir beschließen, der Mittagssonne im Schatten des Mamamobils zu entkommen und stählen unseren Geist für den Rückweg. Am Ausgang ankommend müssen wir feststellen, dass es den Menschen der Securitas entgangen ist, eine einen Meter schmale Schneise freizuhalten, so dass man das Camping-Gelände auch wieder verlassen kann. Eine Horde schwitzender Festivalisten verstopft den gesamten Horizont und um keine Loveparade aus der Sache zu machen, schickt man uns in unbestimmte Richtung zum Ausgang Süd. Ich Dummkopf hab natürlich Sextant und Kompass zuhause vergessen und so wird der immer länger anmutende Umweg durch viel Hass und Gefluche meinerseits begleitet. Keine Sorge, ist nix Schlimmes, ich brauche das nur, wenn ich mit Hirnfick konfrontiert werde. So, wie ein Auto Sprit braucht.

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Der Teufel.

Jeder von uns zollt der erbarmungslosen Hitze in eigener Weise Tribut. Während ich wahllos alles und jeden beleidige, quängelt Dana bei Elke, denn dazu sind Mamas da. Elke hingegen konzentriert sich statt auf ihr eigenes lieber auf unser Leid, denn fremdes Leid ist halbes Leid. Glaub ich mal, so gehört zu haben. Ganz die Mama von mittlerweile der ganzen Krebskolonie™ führt sie uns unbemerkt an einen Getränkestand, wo sich herausstellt, dass Stefan beschlossen hat, sich zu dehydrieren und jedes Getränk ablehnt. Hamburger sind stoische Gesellen, da hilft alles gute Zureden nichts. Nun etwas abgekühlt und, außer Stefan, wieder besser hydriert, geht sich der Rest des Weges bis an Elkes Mamamobil und dessen geworfenen Schatten schon fast von selbst. Es ist ungefähr 16:00 Uhr, die Sonne kann uns mal, ich verdunkle meinen Kombi, leg mich zum Dösen auf den Beifahrersitz und die anderen drei picknicken im Schatten. Parkplatzparty ist die beste Party.

Rönny aus Söchsen und das Dorf der Pumper

KLOPAPIER

Campleben mit Klopapier

Die Sonne macht langsam aber sicher schlapp und versackt am Ende der Welt, was uns ermutigt, zum Camp zurückzukehren. Es weht ein laues Lüftchen, abendliches Zwielicht versöhnt uns mit der Welt, endlich können wir beginnen, seriös zu arbeiten. Elke köpft den Nutella- Nuss-Schnaps, ein Hochgenuss bei 37 Grad Celsius, er fließt die Kehlen herab wie kochendes Öl auf angreifende Ritter im zwölften Jahrhundert. Die Welt ist gut.
Um uns herum hat sich das Areal prächtig gefüllt und wir haben viele Nachbarn bekommen. Hauptsächlich giggelnde Mädchen. Zu unserer rechten formiert sich eine diverse Gruppe in Zeltformation, die letzten anderthalb Stunden Tageslicht nutzend, um ihr Camp der Perfektion zuzuführen.
Ffft fft fft.
Eine wohlgeformte, braungebrannte junge Dame mit einladendem Ausschnitt und willkommenerer Aussicht beginnt, vornüber gebeugt mittels Handpumpe ihre Luftmatratze zu befüllen. Ihr Pumpen füllt die Abendluft fortan mit einem sanften Soundtrack zu unserem Dummgeschwätz. Unter Danas und meinem Stuhl entzünden sich spontan exotische Kräuter, deren Dämpfe wir heroisch weginhalieren, bevor sie noch Schaden bei unseren Mitfestivalisten auslösen können und unsere Welt wird von einem sanften, grünen Schleier durchzogen. Deutlicher wird’s nicht. Die Bullshit-Generatoren in unseren Hirnwindungen fahren auf Maximum, unsere Körper sind bereit.
Ffft ffft ffft.
Stefan und ich lehnen uns recht schamlos in unseren Stühlchen nach vorn, um das Holz vor der Hütte zu betrachten und unterhalten uns, ganz Gourmet, laut über das Für und noch mehr Dafür der dargebotenen Auslage. Wie ich später noch zu den zwei Damen in unserem Camp sagen sollte: man kann über den Stefan sagen, was man will – aber Titten, die findet er gut.
Ffft ffft ffft.
Ich taufe die Dame auf den Namen Pumpmarie. Sie bemerkt unsere intellektuelle Abhandlung über das wohlige, seelenerquickende Auf und Ab ihrer… Pumpe. Mit großen Augen harren wir ihrer Reaktion und ein erstes Wunder wird uns dummen Heiden zuteil: das Pumpmariechen blickt an sich hinab, in ihren Ausschnitt hinein, lacht uns freudig zu und zieht den Ausschnitt noch ein Stückchen tiefer. Alles weitere geht in wildem, brumftigen Jubelgeschrei Stefans und meinerseits unter. Dana fasst die Sache kurz und treffend zusammen: »Titten sind ja auch super.«
Ffft fft fft.
Die Sonne sinkt weiter am Ende der Welt entlang, ganz ähnlich unserem Niveau. Wie um uns zu sagen: ich versteh euch, macht weiter so, das ist der Lauf der Dinge, das Gesetz aller Natur. Da lassen wir uns nicht lange bitten und lauschen einer knallhart geführten Verhandlung, wie sie nur Mutter und Tochter führen können. Selbstverständlich kann ich nicht jeden Inhalt preisgeben, sagen wir nur grob, dass es um Inhalte und deren Ausscheidung ging. Elke argumentiert Vernunft und rechtzeitiges Aufbrechen, um kein ungünstiges Ausbrechen etwaiger Inhaltsstoffe an unvorteilhaften Orten zu riskieren. Dana positioniert sich nicht gänzlich ablehnend, gibt aber zu Bedenken, dass Klopapier das Gebot der Stunde sei, bevor auch nur über eine Bewegung irgendwelcher Natur überhaupt erst nachgedacht werden könne. Die erste, zähe Verhandlungsrunde endet zunächst ergebnislos.
Ffft fft fft.

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Mamamobil.

Aus heiterem Himmel verkündet Elke uns, dass sie vibriert. Leicht verwirrt beobachte ich mit leise aufkommender Panik, wie sie beginnt, in sich herumzuwühlen. Als ein erstickter Schrei meine Lippen verlassen will, begreife ich, dass die Dämpfe mich schwerbehindert gemacht haben und Elke lediglich von ihrem Handy spricht. Mit der Eleganz von dreitausend Nilpferden schafft sie es, die Technik ihren engen Taschen zu entwinden, stöbert durch die erhaltenen Botschaften und stößt einen gequälten Schrei des Schreckens hervor. Ihr anderes Töchterchen, dem unsere Gesellschaft nicht gut genug war, um uns zum Festival zu begleiten (unterstell ich ihr jetzt einfach, krieg ich bestimmt wieder für aufs Maul von ihr), eröffnete nonchalant, dass nun ein Tattoo ihren Rücken ziert. Ein Hirschkopf. Über den ganzen Rücken. Den ganzen. Rücken. Elke nun sollte ihr Urteil darüber fällen, auf die einfache Frage: »Wie findest du es?«
Ffft fft fft.
»Was soll ich dazu denn jetzt bitte sagen?!«, flucht Elke uns fragend entgegen. Wir anderen drei tauschen einen halben Blick aus, beginnen breit zu grinsen und machen Vorschläge.
»Ist ihr das Arschgeweih entwachsen? Halbe Sachen macht sie ja nicht!«, bemerkt Stefan diabolisch grinsend. Dana findet es gut und empfiehlt ihrer Mutter, das auch einfach zu sagen. Mein kennender Blick und der Shitlord in mir erkennen aber, dass Elke nicht unbedingt erfreut über diese jüngste Entwicklung ist und noch etwas Zeit benötigen wird, um sich damit anzufreunden. So schütte ich durch ein »Na, Elke kann das nicht, Elke lügt nicht, auch nicht für ihre Kinder!« überhaupt kein Öl ins Feuer. Stefan, Dana und ich versteigern uns immer weiter in dämliche Vorschläge und vergessen ganz, um was es eigentlich geht. Ich schiebe das auf die Festivalorganisatoren und die seltsamen Kräuterdämpfe, die man uns unter Gewaltanwendung in die Lungen gepumpt hat. Als wir bereits zwei Themen, an die ich mich nicht erinnern kann, weiter sind, sagt Elke »So, ich hab ihr jetzt geschrieben.« Und nachdem wir durch knallhartes Kreuzverhör ermittelt haben, wovon sie überhaupt spricht, inquirieren wir nach dem Inhalt der Nachricht. Höret Elkes Urteil! »Auf dem Rücken schläfst du heute Nacht wohl nicht.« Anschließend explodieren wir in furchterregendes Gelächter und ich kröne diesen Satz als den mamasten (Superlativ des Adjektivs Mama: mama, mamaer, am mamasten) Satz des Festivals. Nur eine Mutter lässt sich von einer simplen Gut-Oder-Schlecht-Frage konfrontieren und redet souverän über was ganz anderes, ohne Antwort zu geben oder sofort aufzufallen. Elke ist die Mama von jedem, auch von dir, find dich damit ab.
Ffft fft fft.
Wir schaffen es, nicht zu ersticken und kämpfen uns schwer atmend ins Leben zurück. Kaum haben wir wieder Sauerstoff im Gehirn, fragt Elke Dana in Bezug auf die vorangegangene Verhandlung. Ich möchte das anschließende Gespräch in seiner Gänze zitieren.

Elke: Pipi?
Dana: KLO PA PIER!!!

Sofort wachsen Dana und Elke lustige Bärte und Hüte vor meinem inneren Auge und ich sehe Helge Schneider seinen neuesten Megahit »PIPI KLOPAPIER« auf der Center Stage schmettern, nachdem er monatelang die deutschen und internationalen Charts dominiert und Psys Gangam Style restlos vergessen gemacht hat.
Da Elke ihre Geheimwaffe auspackt, nämlich mal nicht zu lächeln, während sie was sagt und einen genervten Tonfall einsetzend, bekommen wir es alle schlagartig mit der Angst zu tun und die nicht minderbehinderte Dana schießt wie der Rote Blitz ins Zelt und erlegt eine Rolle Klopapier. Nun mit dem Schild der Hygiene bewaffnet begeben sich Mutter und Tochter auf die gefährliche Reise zum Abort.
Ffft fft fft fft fft fft fft fft fft fft fft fft fft!

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Symbolbild: Luftpumpe

Die Pumpgeräusche nehmen aggressive Töne und dröhnende Lautstärke an. Zunächst schiebe ich das auf meinen Sinneszustand, doch ein Blick zu Stefan, der bis auf ein paar brühwarme Bierchen nichts Vernebelndes genossen hat, lässt mich ahnen, dass hier stärkere Mächte als mein Hirn am Werk sind. »Sag ma‘, nimmt dieses Gepumpe nicht langsam absurde Züge an?«, frage ich in einer Mischung aus Ehrfurcht, Horror, Zweifel, Belustigung und Realitäts-Check. »Ich wollte gerade genau das Gleiche sagen. Die pumpen doch jetzt schon seit über zwei Stunden. Es ist dunkel mittlerweile!«, entgegnet Stefan in einer nicht minder verstörenden Mischung aus Gefühlen. Und tatsächlich, seit knapp zwei Stunden pumpt die Gruppe neben uns ununterbrochen dieselbe Matratze im selben Zelt auf. Uns fällt auf, dass die ganze Gruppe sich beteiligt und durchwechselt, sobald der aktive Pumper der Ohnmacht nahe kommt. Stefan beschließt, Licht ins Dunkel zu bringen und leuchtet mit seiner sauhellen Taschenlampe kurzerhand die jeweils aktiven Pumper an, um sie einerseits zu beobachten und andererseits den Rest des Zeltplatzes auf dieses bizarre Schauspiel aufmerksam zu machen. Was nach und nach beginnt, Früchte zu tragen. Immer häufiger halten Leute am Wegesrand an, um das Spektakulum Faszinosum in sich aufzunehmen. Sie stellen verwirrt Fragen. Wie lange, seit wann, warum, ob sie nicht Zweifel an ihrer Sache hegen. Wir beantworten alles nach bestem Gewissen und werden zu Quasi-Propheten der Botschaft des Dorfs der Pumper, wie ich sie taufe.
Stefan und ich stellen verschiedene Theorien auf. Zunächst hypothesiere ich, dass es sich wohl um ein Balzverhalten dieses, zweifellos bisher von der Zivilisation unentdeckten und abgeschnittenen, indogenen Volkes handele. Wer es schaffe, mit seinen imposanten Pump-Bewegungen das Pumpmariechen zu beeindrucken, dürfe sich mit ihr paaren. Vielleicht läge gar keine Matratze im Zelt, werfe ich in den Raum und nicht sie, sondern wir sind die tumben Blödmänner, die dieses jahrtausende alte Fortpflanzungsritual nicht kennen. Gestützt wird diese These immer wieder durch einen wie gemeißelt aussehenden, durchtrainierten, oberkörperfreien Pumper, der mit der Kraft und dem Zorn zehntausend sterbender Sonnen seinem Tagwerk nachgeht. Er pumpt abwechselnd in exakt rechtem Winkel seitlich stehend mit dem linken Arm bis zur Ermüdung, dann 180° um die eigene Achse hüpfend sofort weiter mit dem rechten bis zur Ermüdung, nur um dann, Brunftschreie von sich stoßend, in den Schmerz und die Agonie hineinberserkernd wieder frontal zu doppelpumpen, bis ihm nach 15 bis 20 Minuten soviel Blut zu Kopf und Sauerstoff aus dem Gehirn ausgestiegen sind, dass er zu seinem eigenen Wohl von einer stämmigeren Blondine des Dorfs abgelöst wird, die ein Kreuz hat wie ein Baum. Hier bröckelt dann kurzzeitig meine Paarungshypothese, bis ich einbauen kann, dass in deren Dorf keine verkrusteten Sexualnormen herrschen und Pansexualität die natürliche und dörfliche Norm darstellen.
Zwischenzeitlich sind Elke und Dana zurückgekehrt und fragen verwirrt, was der Menschenauflauf vor unserem Camp zu bedeuten habe. Nicht mehr als ein Auge von dem Naturereignis abwendend erkennen Stefan und ich, dass sein Lichtstrahl und unser immer lauteres Gelächter und Theoretisieren das Geschehen dermaßen ausgeleuchtet haben, dass gut und gerne zwanzig bis dreißig Leute, teilweise mit mittlerweile Stühlen und Bier, Stellung auf dem Weg bezogen haben, um Zeuge der Ereignisse zu werden. Manche beginnen kühn, sich aus ihrer Umklammerung aus Angst und Ehrfurcht zu lösen und werfen hier und da Ideen mit in unsere Versuche, dieses Verhalten zu analysieren.
Dana lässt sich das alles durch den Kopf gehen und beschließt vernünftigerweise, erstmal weiter Kräuter mit mir zu inhalieren; vielleicht stoßen wir in den Hohen Sphären™ auf eine in Normalzustand nicht erdenkbare Erkenntnis.
Wir werden also blöder und blöder und blöder und können nur deshalb unseren eigenen Gedanken folgen, weil der jeweils andere gruseliger Weise dazu fähig ist, seinem Mitinhalierer zu folgen. Ein weiteres Zeichen der Götterwelt: war vorher noch keinem von uns beiden so passiert, dass jemand anders den eigenen Gedanken folgen konnte, die einem selbst schon beim Aussprechen nicht mehr verständlich waren. Mitten in unseren ehrfürchtigen Horror des Verstehens voreinander dringt dann tatsächlich eine überwältigende Erkenntnis.
Nicht die, die wir erhofften.
Sondern, dass der eigentlich stets stille und zurückhaltende Stefan unseren Gedanken umso besser und lebhafter zu folgen imstande war, desto behinderter und denkbeschleunigter wir wurden. »Weißt du, wie krank das ist? Weißt du, was das heißt? Das bedeutet, dass Stefan permanent auf diesem Level ist und sich die ganze Zeit denken muss, welch niederes Geschmeiß wir sind, dass wir Hilfsmittel benötigen, um da unter Aufbietung all unseres Lungenvolumens überhaupt auch nur hoffen können, je hinzukommen!« entfährt es mir in, da mache ich keinen Hehl draus, totaler Ehrfurcht und existentieller Angst. Dana schafft es wenigstens, mit offenem Mund langsam zu nicken, bevor wir in minutenlanges, fast fatales Gelächter ausbrechen und Stefan nur selbstverliebt grinst. Elke hat da schon längst kapituliert und es auch mit allem Nussschnaps der Welt nicht geschafft, uns weiter zu ertragen. Sie schlief sanft und wohl. Nehme ich an.

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Der Braintrust™

Gerade, als wir uns wieder beruhigt haben und japsend zurück ins Leben taumeln, mustere ich Stefan und überlege laut, »Wir haben den vergiftet, Dana. Der hat doch ein Kontakt-High!«, doch als ich zu Dana rübersehe, blickt sie mich erschrocken an, zieht die Füße hoch und blickt panisch auf dem Boden umher. Stefan zuckt mit den Achseln, als ich ihn ebenso erschrocken und fragend ansehe.
Ganz sanft fragt Stefan: »Dana. Was machst du denn da?«, er ist null besorgt und rein interessiert. Und Dana antwortet hektisch: »Na, E hat doch was von Haien gesagt!«
Es dauert einen Moment, und dann begreifen wir alle drei, dass Dana wieder mal absolut Dana war und Angst vorm Kontakthai hat. Und mitten in diesen, schon ganz allein lebensgefährlichen Lachkrampf frage ich »Und was zum Teufel ist das da drüben eigentlich für eine Matratze?!«, denn, oh ja!, die Pumper waren immer noch am Pumpen, seit mittlerweile vier Stunden.
Uns tut mittlerweile das Gesicht in einer nicht mehr lustigen Form vom Lachen weh. Ausgelaugt konzentrieren wir uns auf und verlieren uns erneut in dem fremdartigen Gebahren im Dorfcamp.
Die zu diesem Zeitpunkt bewährteste Theorie beschreibt, dass es kein Paarungs-, sondern ein Opferritual für den Pumpgott ist, das wir erleben. Erst, wenn die ganze Welt vollständig aufgepumpt ist, wird der Heiland kommen und das Dorf ins Paradies einziehen lassen. Doch bis dahin müssen sie um Vergebung ihrer Sünden pumpen.
Die Pumpe ist wieder fest in der Hand des Starkstrompumpers, den Stefan kurzerhand auf den Namen Rönny aus Sachsen tauft, denn er könne sich den Kerl so furchtbar gut in einer RTL-Nachmittag-Scripted-Reality vorstellen und sofort spreche ich die obligatorische RTL-Zusammenfassung dieses Menschens, natürlich in sächsischem Dialekt:

Das ist Ronny aus Sachsen. Ronny ist 26 Jahre alt und hat mit der ganzen Sache eigentlich gar nichts zu tun, denn Ronny hat sich auf dem Weg zu seiner Arbeit als Dummkopf nur einfach schon wieder verfahren und ist statt nach Dresden abzubiegen aus Versehen aufs Southside-Festival gefahren. Ronny hat gar keine Ahnung, was das eigentlich ist, aber zum Glück hat er schnell neue Freunde gefunden, bei denen er sich pudelwohl fühlt und in geistig bester, ebenbürtiger Gesellschaft befindet.
(Grummelnd): Der Ronny aus Sachsen…

Pumpmarie übernimmt erneut das Heft des Handelns und nach nun tatsächlich fast fünf Stunden ununterbrochenem Gepumpe hält es Stefan nicht mehr auf den Sitzen. Nachdem er zu Beginn des ganzen Theaters kurz im Nebencamp ins Zelt gelugt hatte, um sich zu überzeugen, dass wirklich eine Matratze im Zelt lag und die Pumpe auch angestöpselt war, muss er einfach rausfinden, welchen Fortschritt die Primitiven vorzuweisen haben, wenn überhaupt welchen. (Seiner Aussage zufolge war die Matratze nie mehr als ein Drittel bepumpt.)
Strammen Schrittes marschiert er mutig zu den Wilden und sucht den Dialog. Wir finden uns sofort damit ab, ihn nie wieder lebend zu sehen. Doch Pumpmarie scheint unsere Sprache zu sprechen und sie kommen ins Gespräch. Zum ersten Mal, seit wir aufs Camp zurückgekehrt sind, verstummt die Pumpe, wenn auch nie länger als eine Minute, bis ein anderer Dörfling gegen das Unvermeidliche anpumpt.
Dana und ich überlegen, ob Stefan seine höhere Intelligenz benutzen wird, um Weisheit und Erkenntnis ins Dorf zu tragen, um dadurch das Herz und den Körper der Pumpmarie zu erobern. Denn wir sind überzeugt, dass ein Loch in der Matratze des Satans ist. Und da durchzuckt mich ein schrecklicher Gedanke.
»Dana! Was, wenn das von Anfang an Stefans Plan war, um die Pumpmarie in sein Zelt zu locken? Was, wenn Stefan das Loch in die Matratze gestochen hat?!«, frage ich sie an der Schulter packend und die moderne Medizin hat noch immer keine Antwort auf die Frage, wie wir den anschließenden Lachflash überleben konnten.

Stefan jedenfalls schafft es, das Dorfvolk zumindest davon zu überzeugen, dass diese Matratze niemals mehr aufgepumpt sein würde und das Spektakel findet ein Ende. Gott sei Dank, denn sonst hätten wir die Nacht nicht überlebt und wären todsicher als erste Menschen in die Geschichte eingegangen, die sich tot gelacht hätten. Wir schleppen uns mit letzter Kraft in unsere jeweiligen Zelte und fallen einem erschöpften, traumlosen Schlaf anheim. So endet unser Tag der Ankunft und wir sind gespannt, was uns erst erwarten wird, wenn wir in diesem Zustand auf das Festivalgelände prallen werden.

Morgens erwache ich noch einmal kurz, um zu pissen, die Welt liegt in friedlichem Zwielicht. Ich steige aus dem Zelt aus, schlurfe in Richtung der Dixies und komme am Dorf vorbei. Aus dem Zelt der Buße höre ich gedämpft zwei Stimmen zu mir wehen:

Pumper: … es geht doch nicht…

Pumpmarie: Ich will auf dieser Matratze schlafen und ich pump die morgen auf!

Fortsetzung folgt in Teil zwei:
Südseite 2016: Hurricane!

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