ragnarök

Die Live-Kommentatoren schrecken laut auf, echtes Entsetzen in ihren Stimmen. Ich kann ihre schockgeweiteten Augen und Münder förmlich vor mir sehen. Wie sie 14000 Kilometer weit entfernt in ihren Designeranzügen, die mehr kosten als meine Miete für ein ganzes Jahr, in ihrem warmen Studio sitzen. Auf mehr als 30 Flachbildschirmen entfaltet sich vor ihnen die Katastrophe, von der sie live berichten. In Ulra-HD, Dolby Digital 5.1 Surround Sound, mit glasklarem Bass. Die Praktikanten, die niemand sehen und hören kann, bringen ihnen gerade ihren Arschkriecherkaffee. Die Teleprompter laufen heiß mit Worten, die sie ungeprüft vorlesen, mit blindem Vertrauen in die arme Sau, die die eigentliche Arbeit für sie erledigt. Die Arbeit, deren Lorbeeren sie sich aufsetzen. Mit dem Leid hunderttausender Menschen am anderen Ende der Welt. Das sie unreflektiert ausschlachten, jede Nuance ausleuchten, jeden privaten Winkel von Leidenden vergewaltigen, sie für Quote missbrauchen und keinen zweiten Gedanken daran verschwenden.

Diese weltfremden Hohlbirnen, die nie etwas erleben.

Die nur vom Leben anderer berichten. Vom Schaffen anderer. Vom Leiden anderer. Leere Hüllen ohne Sinn. In teuren Anzügen.

Mit einer brachialen Explosion sprengt sich das Dach von Reaktor 4 des Nuklearkraftwerks Fukushima Daiichi in den lauen Morgenhimmel. Die Schockwelle ist so gewaltig, dass man die Überschallwelle selbst auf den schlechtesten TV-Bildern deutlich erkennen kann.

Seit Stunden wurde von jedem Experten, der sich durchwählen konnte, darüber gesprochen, dass eine Kernschmelze schon längst nicht mehr vermeidbar, vermutlich schon längst eingetreten sei.

Experte um Experte.

Stunde um Stunde.

Die Kamera unentwegt auf den ramponierten Reaktor gerichtet. Auf ein immobiles Gebäude. Keine zehn Kilometer weiter kämpfen Hunderte ums nackte Überleben. Versuchen sich aus ihren über ihnen zusammengestürzten Häusern zu befreien. Trennen sich selbst Gliedmaßen ab, um zu entkommen.

Seit Stunden das gleiche Bild, unbewegt, es könnte ein Foto sein, würde nicht ab und zu ein Vogel durchs Bild fliegen. Ein Vogel, der einem bewusst macht, wie scheißegal das alles dem Planeten und Mutter Natur eigentlich ist.

Ein zweites Tschernobyl. Ein zweites Harrisburg. Ein Super-GAU mal eintausend. Verbrannte und verseuchte Erde auf Jahrzehnte und Jahrhunderte.

Genetische Missbildungen. Dritte Augen, zweite Genitalien, fehlende Arschlöcher, zugewachsene Lippen, Ohren am Rücken, Nippel auf den Knien, die Haut auf links, knochenlose Arme.

Stundenlang wird der Satan heraufbeschworen und ich sitze entspannter als der Dalai Lhama auf der Couch und esse meine Cornflakes. Im Bademantel, ungeduscht, im Warmen, die Füße auf den niedrigen Wohnzimmertisch gestützt. Auf AMOLED-HD-Screens verfolge ich sieben Livestreams und drei große Nachrichtensender gleichzeitig, um den großen Moment nicht zu verpassen.

Das ist Unterhaltung im 21. Jahrhundert. Die beste Unterhaltung von allen. Besser als die Gladiatorenspiele im alten Rom. Niemand hier hatte eine Chance, niemand hat es gewählt oder verdient. Die Welt scheißt der Menschheit mit fünf Tonnen Druck ihren Dünnschiss in den Hals. Einfach so, weil sie es kann. Und ich esse Cornflakes und warte auf den Big Bang.

Besser als jeder Porno.

Am unteren Bildschirmrand tickern die aktuellen Opferzahlen durch, jede Minute werden es mehr. 100, 2000, 14000. Mehr. Ich kriege nicht genug.

Die Welt soll brennen. Ich will dicken, schwarzen Rauch einatmen. Zum Geruch brennender Reifen erwachen.

Mit großen Augen sitze ich vor all diesen TV-Bildern, den Internet-Livestreams, den Smartphone-Pushmeldungen. Ich sauge jede neue Trauermeldung auf wie ein Schwamm. Rausch. Ich sauge es durch meine Nase wie Pablo Escobars feinstes Koks.

Es ist nicht das erste Mal. Katastrophen haben mich schon immer fasziniert. Lockerby. 9/11. Der Tsunami von 2004. Die Ausschreitungen in Port Said. Die Aufstände in England 2012.

Am frühen Morgen des 12. Septembers saß ich noch immer gebannt vor dem Fernseher, verfolgte die Liveübertragungen. Prägte mir jede Opferzahl ein, sog jede neue Information zu den Tragödien auf. Die Twin Towers sind schon lange eingestürzt. Das Pentagon steht in Flammen. In irgendeinem Kartoffelacker atmen Rettungskräfte den süßen Geruch brennender Leichname ein. Das Nebengebäude des World Trade Centers liegt in Trümmern.

Und ich warte auf ein weiteres Flugzeug, hoffe auf eine Bombe am Hooverstaudamm, sehne mich nach einem Tanker, der in die Stützpfeiler der Golden Gate Bridge rast und sie in den Pazifik reißt. Nichts davon geschieht, doch ich gebe das Warten nicht auf, meine Augen kleben am Bildschirm. Die Welt steht still. Schweigt global in vereinter Trauer.

Haltet die Fresse, zeigt mir das Inferno!

Brecht Rekorde. Sterbt in Massen. Opfert euch für die Statistik. Geht in die Geschichte ein. Seid Opfer. Leidet. Für mich.

Je größer die Explosion, desto größer meine Erregung. Umso höher die Opferzahlen, umso höher meine Euphorie.

Die Leute nehmen meine geweiteten Augen, meine Faszination, als Schock wahr. Denken, ich teile ihre Betroffenheit. Leide mit den Opfern. Ich lasse sie in diesem Glauben. Dieses Vergnügen ist falsch. Ich weiß es. Es ist mir egal. Wenn die Welt in Flammen steht, brennt mein Herz. Niemand erfährt es. Niemand wird es mir nehmen. Ich stimme jeder Beileidsbekundung zu, bin kreativer als alle anderen im Schmieden empathietrunkener Satzkonstrukte. Ich bin der betroffenste kleine Mensch von allen. Meine Seele schreit in Agonie ob all des Leids.

Weil es endet. Bevor ich genug habe. Ich kann mir nicht helfen. Ich will es auch nicht. Solange niemand weiß, wie ich mich an alledem ergötze, solange ist dies mein eigenes, sadistisches Vergnügen. Bis die Katastrophe schließlich an meiner eigenen Haustür klopft und mich befreit. Die Welt zum Stillstand bringt. Alles ändert. Bis endlich etwas passiert.

Stundenlang unterhalten sich die Livereporter mit Experten, Korrespondenten, Regierungsvertretern, Pressesprechern. Sie wissen im Detail, was geschieht und geschehen wird, bevor es eintritt.

Doch als endlich das Dach von Reaktor 4 wie Schrapnell in den Himmel schießt, der Super-GAU eintritt, der Fallout sich verbreitet und all die grausigen Ereignisse in Gang setzt, die sie wie eine tolle Bockwurst beworben haben, da scheißen sie sich ein.

Das Wunder der Zerstörung. Die Faszination des Ruins. Eine Symphonie des Untergangs. Menschheitsdämmerung.

Erst jetzt begreifen sie, was geschieht. Erst jetzt bekommen sie Angst.

Ich bin weit jenseits der Angst. Ich bin der stumme Beobachter. Der zufriedene Schaulustige.

Aus den Appartments der Nachbarn dringen Schreckensschreie. Angstgeheul. In den Straßen gespenstische Stille. Die ganze Welt hält ihren fauligen Atem an und tut so, als sei sie überrascht.

Ich aber esse weiter meine Cornflakes und ein Lächeln formt sich auf meinem kauenden Gesicht. Das war der Money Shot. Das Wichsen ins Gesicht am Ende der Szene. Das Zusammensacken der malträtierten Gangbang-Queen.

Wenn in Ländern die Scheiße so richtig zu dampfen beginnt, kommt das Auswärtige Amt aus seinem Loch gekrochen. Völlig aus dem Häuschen. Endlich Aufmerksamkeit. Es rät von Reisen in das betroffene Land ab. Als in Manchester die Autos brennen, raten sie dazu, die Gefahrenstelle weiträumig zu umfahren. Wollen dich am liebsten in einen Hochsicherheitsbunker stecken, gleich neben dem Stückchen Erde, in dem ihr Kopf steckt.

Wenn es am schönsten wird, verderben sie dir den Spaß. Verteufeln die Ereignisse. Als die Menschheit gegen sich selbst aufbegehrt, als der radikale Wandel möglich ist, scheuchen sie die Hühner in den Stall und schließen die Fensterläden.

Ich will brandschatzend durch Häuserschluchten ziehen, Gemälde besprühen, Büsten frisieren, Statuen köpfen, Autos aufs Dach rollen, Löschzüge in Brand stecken. Ich will die Welt mir ihrem eigenen Dickdarm erwürgen. Doch ich kann es nicht. Was mir bleibt, ist der Voyeurismus. Stilles Anfeuern der Vandalen. Stürmt die Festen der Gesellschaft und reißt sie in Stücke, ihr vermummten Wahnsinnigen!

Noch während die Welt in Schockstarre steht greife ich zur Tastatur. Zwischen all das Oh mein Gott, um himmels Willen, die politischen Opportunisten, die Aktivisten, die es schon immer gewusst haben, hysterische Mütter, besserwissende Arschlöcher, neue Profilbilder mit geschockten Gesichtern, Beileidsbekundungen, Hilfsaufrufen, Appelle an den Zusammenhalt, Solidaritätsversicherungen, zwischen all das tippe ich in kindlicher Freude:

„Fukushima Power Plant wäre ein saugeiler Bandname.“

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